Als eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft entzieht sich der Tod, ebenso wie eine Geburt, unserer Kontrolle.
Wir müssen akzeptieren, dass wir die Geschehnisse nicht kontrollieren können –
wir können nur begleiten, unterstützen, akzeptieren und Verständnis zeigen.

In diesen beiden Übergangsphasen sind alle Menschen auf sich selbst zurückgeworfen. 

Wir bringen nichts mit, wenn wir geboren werden, und wir können nichts mitnehmen aus dieser Welt.

Allein die Liebe bleibt.
Jeder hinterlässt seinen ganz eigenen Abdruck in der Welt und in den Herzen.

Unsere Geburt markiert den Anfang eines unbeschriebenen Blattes, auf dem alles offen und möglich ist.

Wenn wir sterben, ist unser Lebensbuch vollendet, das letzte Kapitel fertiggestellt - eine Geschichte, die ganz wir selbst geschrieben haben.

Der Atem

Unser Leben entfaltet sich leise zwischen dem ersten und dem letzten Atemzug.
Jeder Atemzug erinnert an die Tiefe des Lebens und verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Das Leben ist flüchtig, wertvoll und einzigartig – eine Einladung, innezuhalten, zu danken und die Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Atemzug zu schätzen.
Wenn Abschied naht, bleibt der Atem als Symbol für das, was war: Geschichten, Liebe und Spuren, die ein Mensch hinterlässt.
Er erinnert uns daran, dankbar zu sein – für jeden Augenblick zwischen Anfang und Ende.

Menschen können jung oder alt, plötzlich oder absehbar, gesund oder krank, vor der Geburt, kurz danach, im Kindesalter oder viele Jahre später sterben. Es ist immer zu früh. Manchmal, wenn er großes Leid beendet, ist der Tod eine Erlösung. 

Im Angesicht der Jahrmilliarden, in denen unsere Erde existiert, ist unser Leben kurz und mag unbedeutend wirken. 
Dennoch sind wir für unser Umfeld so wichtig, dass alles um uns herum zerbricht, wenn wir gehen müssen.

Ein einziger Tag teilt das Leben in „davor” und „danach” für jene, die hier bleiben müssen. Dieser eine Tag verändert alles – und erinnert uns daran, wie wertvoll jeder Moment des Zusammenseins ist. 

Wir alle erleben viele kleine Abschiede, bevor wir uns am Ende unseres Lebens auf den Weg machen und der letzte, große Abschied sich vollzieht.

Wenn wir das Tabu Tod und Sterben wieder mehr in unser Leben und in die Gesellschaft integrieren, können wir Raum für Offenheit und Bewusstsein schaffen und damit auch unser eigenes Leben bereichern. 

Jeder Mensch sollte die Möglichkeit einer stimmigen und würdigen Abschiedsfeier haben. Anonyme Bestattungen ohne Trauerfeier - aus Angst vor dem Schmerz des Abschieds - können die Trauer nicht verhindern. 

Trauer ist eine wichtige, emotionale Reaktion - sie benötigt Raum und Zeit und ist notwendig, um einen Verlust zu verarbeiten. Trauerrituale sind wertvolle Begleiter in schweren Zeiten und machen das Unfassbare auf besondere Weise begreifbar. 

Nur gelebte Trauer kann als natürlicher Heilungsprozess letztlich wieder zur Lebensfreude und inneren Stärke führen.